Was ist „Zieloffene Suchtarbeit“?

Suchtbehandlung ist vielfach auf das Ziel lebenslanger Abstinenz ausgerichtet (und darauf beschränkt).         

 

Ergänzend dazu hat sich in der niedrigschwelligen Drogenabhängigkeit das Ziel der Sicherung des (gesunden) Überlebens abseits von Abstinenzverpflichtungen etabliert.

 

Behandlungen mit dem Ziel einer Konsumreduktion (Kontrolliertes Trinken/ Rauchen/ Drogenkonsumieren/ Glücksspielen etc.) stellen eine dritte, ergänzende Zieloption für diejenigen Menschen dar, die das Ziel der Abstinenz nicht anstreben bzw. bei denen sich die Beschränkung auf Maßnahmen der „Suchtbegleitung“/ „Schadensminderung“ als Hemmnis einer Veränderung erweist.

 


Alle drei Zielrichtungen (Abstinenz, Konsumreduktion, Schadensminderung) haben ihre Berechtigung und sollten bei jeder suchtbelasteten Person vorgehalten werden, denn:

  • Nahezu alle Menschen mit einer Substanzkonsumstörung weisen einen problematischen Konsum mehrerer psychotroper Substanzen auf (Alkohol und Zigaretten; Heroin und Alkohol und Zigaretten und Benzodiazepine; etc.) 
  • und sie verfolgen von Substanz zu Substanz andere Ziele. So kann z.B. ein Drogenkonsument Abstinenz bei Crack, Konsumreduktion bei Alkohol und Tabak und Schadensminderung bei Heroin (Injektion von ärztlich verschriebenem Diamorphin statt Straßenheroin) anstreben.

Als Folgerung ergibt sich: Bei suchtbelasteten Menschen ist

  • erstens eine Bestandsaufnahme der konsumierten Substanzen erforderlich,
  • zweitens eine substanzweise Abklärung der Änderungsziele und
  • drittens das Vorhalten von Behandlungsangeboten, die den Änderungszielen der betroffenen Menschen entsprechen.

Diese drei Bestandteile charakterisieren den Ansatz Zieloffener Suchtarbeit (ZOS).

 


ZOS stellt somit eine grundlegende Art und Weise dar, Suchtarbeit zu verstehen und zu praktizieren.

Die Vorteile von ZOS reichen von der Erhöhung der Erreichungsquote suchtbelasteter Menschen über die Beachtung ethischer Maximen bis zur Verbesserung des Behandlungserfolgs.

Der Ansatz der ZOS hat Relevanz für alle Arbeitsfelder, in denen sich Menschen mit Substanzkonsumstörungen befinden – neben der Suchthilfe im engeren Sinne auch für das medizinische und psychotherapeutische Versorgungssystem, die Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe, (sozial-) psychiatrische Einrichtungen, die Verkehrstherapie u.a.m. 


Kartensatz zur Konsum- und Zielabklärung

Einsatzbereich des Kartensatzes

Der Kartensatz „Konsum- und Zielabklärung“ dient im Rahmen Zieloffener Suchtarbeit dazu, eine systematische Bestandsaufnahme der konsumierten Substanzen/ Suchtverhaltensweisen vorzunehmen und die angestrebten Änderungsziele abzuklären. 

Inhalte des Kartensatzes 

  • Der Kartensatz „Konsum- und Zielabklärung“ besteht aus insgesamt 33 Karten:
    • 16 x weiße Substanzkarten mit Motiven (z.B. Alkohol, Tabak, Kokain, Opiate etc.) und 4 x weiße Verhaltenskarten mit Motiven (z.B. Glücksspiel, Essverhalten etc.) zur Abklärung des Konsums
    • 6 x gelbe Zielabklärungskarten mit Motiven (z.B. „Eine Zeit lang abstinent leben“, „Weniger konsumieren“ etc.) zur Ergründung der Änderungsziele
    • 3 x leere weiße Karten und 2 x leere gelbe Karten zur individuellen Ergänzung der Konsum- bzw. Zielabklärung
    • 1x blaue Info-Karte mit Hinweisen zu Schulungen des ISS zum Konzept der Zieloffenen Suchtarbeit
    • 1 x weißes Deckblatt mit Kontaktdaten des Instituts für innovative Suchtbehandlung und Suchtforschung (ISS)
  • Dem Kartensatz liegt eine Anleitung bei, die Schritt für Schritt durch Anwendung und Methodik des Kartensatzes führt.
  • Der Kartensatz wird in einem Klarsichtetui (aus Kunststoff) geliefert. 

Zielgruppe 

Fachkräfte aus Arbeitsfeldern, in denen sich Klient/-innen mit Suchtproblemen befinden: Suchthilfe, Sozialpsychiatrische Hilfen, Wohnungslosenhilfe, Straffälligenhilfe, medizinische Arbeitsfelder u.a.m. 

Bestellung 

Kartensatz Konsum- und Zielabklärung

15,95 €

  • verfügbar
  • 3 - 5 Tage Lieferzeit

Nach der Bestellung schicken wir Ihnen den Kartensatz und die Rechnung zu (Bezahlfrist 14 Tage).  


Schulungen in Zieloffener Suchtarbeit

In einer zweitägigen Schulung vermitteln wir den Arbeitsansatz der Zieloffenen Suchtbehandlung, wie er an unserem Institut ausgearbeitet worden ist – von der dahinterstehenden zieloffenen Grundhaltung (Menschenbild und Suchtverständnis) über das methodische Handwerkszeug zur genauen Abklärung der konsumierten Substanzen und Änderungsziele bis zur Auswahl passgenauer, zielbezogener Behandlungsmaßnahmen und der Erstellung eines Behandlungsplans.

Inhalte der Schulung

  • Menschenbild, Haltung und Suchtverständnis in der ZOS
  • Komponenten des ZOS-Ansatzes
  • Zentrale Handlungsschritte von ZOS („systematisch die konsumierten Substanzen abklären“, „systematisch substanzspezifische Ziele festlegen“, „individuell passgenaue, substanzbezogene Abstinenz-, Reduktions- und schadensmindernde Behandlungen auswählen“ und „einen Behandlungsplan entwickeln“).
  • Arbeit mit den eigens für ZOS entwickelten Werkzeugen („Kartensatz Konsum- und Zielabklärung“, „Zielabklärungscheckliste“, „Interventionsmatrix“)
  • Fallbezogene Übungen zur systematischen Abklärung des Konsumverhaltens, der Konsumziele, der geeigneten Änderungsmaßnahmen und der Planung des Vorgehens
  • Anwendung der „Motivierenden Gesprächsführung“ („Motivational Interviewing“) in der ZOS

Zielgruppe der Schulung

 

Fachkräfte aus Arbeitsfeldern, in denen sich Klient/-innen mit Suchtproblemen befinden: Suchthilfe, Sozialpsychiatrische Hilfen, Wohnungslosenhilfe, Straffälligenhilfe u.a.m.

 

 


Implementierung Zieloffener Suchtarbeit

Wir beschäftigen uns seit vielen Jahren mit Theorie und Praxis der Implementierung Zieloffener Suchtarbeit und begleiten Einrichtungen bei diesem in der Regel mehrjährigen Prozess. Bei Implementierungsprozessen steht die Veränderung der Einrichtung im Mittelpunkt und nicht (nur) die Fortbildung einzelner MitarbeiterInnen. Mehr lesen

 


Unsere Veröffentlichungen zu Zieloffener Suchtarbeit

Körkel, J. (2018). Zieloffenheit als Grundprinzip in der Arbeit mit Suchtkranken: Was denn sonst? Rausch, 7, 95-103.

 

Körkel, J. & Nanz, M. (2017). „Change Your Smoking“: Ein zieloffenes Behandlungsprogramm zur Veränderung des Tabakkonsums. Rausch, 6, 43-52.

 

Körkel, J. & Nanz, M. (2016). Das Paradigma Zieloffener Suchtarbeit. In akzept e.V., Deutsche AIDS-Hilfe & JES-Bundesverband
(Hrsg.), 3. Alternativer Drogen- und Suchtbericht 2016 (S. 196-204). Lengerich: Pabst Science Publishers.

 

Körkel, J. (2016). Vom Abstinenzdogma zum Paradigma Zieloffener Suchtarbeit. Archiv für Wissenschaft und Praxis der so­zialen Arbeit, 26, 194-208.

 

Körkel, J. (2014a). Alkoholtherapie: Vom starren Abstinenzdogma zu einer patientengerechten Zielbestimmung. Suchtmedizin, 16, 211-222.

 

Körkel, J. (2014b). Das Paradigma Zieloffener Suchtarbeit: Jenseits von Entweder – Oder. Suchttherapie, 15, 165-173.

 

König, D. & Körkel, J. (2006). Ein Plädoyer für eine zieloffene Suchtarbeit. Kontrolliertes Trinken als ergänzendes Angebot in der Suchthilfe. Forum sozialarbeit + gesundheit, Heft 3, 24-27.

 

Körkel, J., Gehring, U., König, D. & Drinkmann, A. (2005). Zieloffene Suchtarbeit mit alkoholabhängigen Wohnungslosen: Das Projekt „WALK“. In Fachverband Sucht (Hrsg.), Perspektiven für Suchtkranke: Teilhabe fördern, fordern, sichern (Schriftenreihe des Fachverbandes Sucht e.V., Band 28) (S. 197-207). Geesthacht: Neuland.

 

Körkel, J. (2000). Vom Sollen zum Wollen: Zielfestlegungen und Zielvereinbarungen in der Suchthilfe. Abhängigkeiten, 6, 5-25.

 

Körkel, J. & Schindler, Ch. (1999). Ziele und Zielvereinbarungen in der Suchtarbeit. In Fachverband Sucht (Hrsg.), Suchtbehandlung - EntScheidungen und NotWendigkeiten (S. 174-196). Geesthacht: Neuland.

 

Körkel, J. (1999). Welche Ziele sind in der Behandlung von i.v.-Drogenabhängigen ethisch vertretbar? In Bellmann, G.U., Jellinek, Ch. & Westermann, B. (Hrsg.), Mehr als abhängig? Versuche mit Methadon und Heroin (S. 188-207). Weinheim: Deutscher Studien Verlag.